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Hans Gerschwiler berichtet über seine Nachforschungen zur Dorfgeschichte anlässlich der 950-Jahre Feier der Gemeinde Reitnau (1995)

Der Verfasser dieser Zeilen hat im Laufe seine Lehrerlebens immer wieder vom Fenster seines Schulzimmers aus gesehen, wie Schulklassen mit Cars herangeführt wurden, um offensichtlich eine Geologielektion auf der Terrasse mit freiem Blick ins Tal abzuhalten. In der Tat lässt sich vom Schulhaus her anschaulich erklären, wie der Reussgletscher den breiten Talboden ausgeschliffen, eine Seitenmoräne aufgeworfen und bei Stafffelbach einen Querriegel hinterlassen hat.

Beim Bau des Schulhauses kamen denn auch überall kleinere und mittelgrosse Granitblöcke zum Vorschein, die man als Zeugen der ältesten Vergangenheit unserer Heimat stehen gelassen hat. Mit einiger Phantasie kann sich der Betrachter auch gut vorstellen, wie statt der fruchtbaren Talebene eine tundraähnliche Einöde mit einem gewundenen Flusslauf sich ausbreitete, in der Rentiere ihre spärliche Nahrung suchten.

Im Laufe der Zeit wandelte sich diese Ebene zu einer Sumpflandschaft mit entsprechenden Pflanzen und Tieren, von denen eines ja noch in unserem Dorfwappen zu sehen ist. In der Sagensammlung von Rochholz wird sogar von einem See berichtet, der über die Staffelbacher Moräne hinweg bis zum Landenhof in Unterentfelden gereicht haben soll. Dazu passte die romantische Vorstellung von Pfahlbauern, die sich an den Ufern ihre Hütten errichtet haben sollen. Berichte über Funde, die angeblich im Gründel gemacht worden seien, haben sich nicht bestätigt. Nur in der Nähe der heutigen Suhrenbrücke kamen bei Korrekturarbeiten am Flussbett Eichenbalken zum Vorschein, von denen die Kantonsarchäologie aber vermutet, dass sie aus späteren Zeiten stammen.

 

Ausgrabungen im Birch

Erste wirkliche Spuren von Menschen gibt es erst aus der viel späteren Bronzezeit, und zwar gerade nicht im Tal unten, sondern im Birch, nahe bei der höchsten Erhebung unserer Gemeinde. Dort stiess man auf Bronzestücke, die vermuten lassen, dass hier ein Händlerdepot, allenfalls ein Refugium mit Wall und Graben für kriegerische Zeiten, angelegt worden war.

Die Frühzeit unseres Dorfes liegt im dunklen. Dass eine der ältesten Kirchen unserer Gegend hier stand, geht aus den jüngsten Ausgrabungen hervor. Sicher ist auch, dass bereits vor dem Jahr 1000 das Kloster Schänis Besitzrechte hatte, was am 30. Januar 1045 durch König Heinrich III. schriftlich bekräftigt wurde. Was vorher war, ist ungewiss. Es wird berichtet von einem Adel, dessen Vertreter ausgewandert seien ins Allgäu. In der Stumpfschen Chronik, gedruckt 1548 in Zürich, ist zu lesen: "Als Reytnow hat ein Adel gehebt, die sind auss dem Land inns Algow gezogen - dasselbst haben sy ein neüwe burg Reytnow gebauwen. Sy sind auch etwan zu Chur gesaessen. Aber die alt burg Reytnow in der lerrschafft Lenztburg ist brochen.". Dazu würden folgende Tatsachen passen: das deutsche Dorf gleichen Namens bei Lindau und der Reitnauerweg in Chur.

Wie steht es aber um die sagenumworbene Wüstenburg, die angeblich auf der Höhe gestanden haben soll? Dass im Hochmittelalter in der klassischen Ritterzeit also, dort oben eine Burg mit Bergfried und Palas ins Tal grüsste, tönt zwar verlockend, scheint aber äusserst unwahrscheinlich, insbesondere, weil zu dieser Zeit das Dorf ja unter Klosterherrschaft stand. Vielmehr ist anzunehmen, dass mit Wüstenburg die oben erwähnte Fluchtburg gemeint war, in die sich die Bevölkerung zurückziehen konnte, um sich ungebetener Gäste zu erwehren.

Das Dorf selbst war wohl schon in den frühesten Zeiten auf zwei Stufen angelegt: dem Unterdorf und dem Kratz. Im unteren Dorfteil befand sich vermutlich auch der Amtssitz des Meiers, des Vertreters des Klosters. Die Meier führten den Titel "Edelknechte" und besassen ein eigenes Siegel. Sie scheinen es zu überregionalem Ansehen gebracht zu haben, wurden doch einer später Schultheiss in Sursee, ein anderer in Zofingen. Ihre "Residenz" war wohl das Schlössli, ein einfaches Bauwerk mit ausserordentlich dicken Mauern, das im Unterdorf, an der heutigen Haldenstrassse, gestanden hat. Leider geriet das Haus im Lauf der Zeit in eine so schlechte Verfassung, dass es als nicht denkmalwürdig 1967 abgerissen wurde.

 

Mehrere Strohhäuser

Auf der Moränenterrasse bereitete sich neben der Kirche der obere Dorfteil aus. Bis in 20. Jahrhundert sprach man vom Alemannengässli, das am heutigen Schulhaus vorbei zum Rank führte. Dort sollten mehr als ein halbes Dutzend Strohhäuser gestanden haben. Ältere Reitnauer erinnern sich noch an das letzte, das 1955 beim Bau des Schulhauses weichen musste. Es ist schade, dass man nicht rechzeitig daran gedacht hat (wie in Muhen oder Kölliken), ein solches Bauwerk zu erhalten, damit man auch in unserer schnellebigen Zeit sich ein Bild machen könnte, wie unsere Vorfahren gewohnt haben.

Mit der Eroberung des Aargaus durch die Berner wurde die Rechtslage für unser Dorf kompliziert, dies vor allem im 16. Jahrhundert mit der Einführung der Reformation. Kirchlich gehörte man weiterhin zum katholischen Kloster, weltlich regierten die Berner Landvögte. Namentlich wurden traditionelle Bindungen zu Winikon unterbrochen. Dem Vernehmen nach wanderten zahlreiche Familien aus dem Suhren- ins Surental aus, weil sie dem alten Glauben treu bleiben wollten.

Es scheint, dass die Berner Herrschaft sehr tolerant war und dem Kloster weitgehende Rechte beliess. So blieb der Meier im Amt, seit 1554 war dies in der gleichen Familie vererbt. Dabei scheint es zwischen Meier und Kloster einmal einen Streit gegeben zu haben um die Erbrechte, der vom Landvogt geschlichtet werden musste. Zum Meierhof gehörige Rechte waren die niederen oder kleinen Gerichte, auch Twing und Bann genannt. Ferner musste der Zehnten eingezogen werden. Dabei wurde unterschieden zwischen grossem und kleinem Zehnten. Zum letzteren gehörte Gerste, Hirse, Bohnen, Erbsen, Hanf, Flachs, Ölgewächse, Nüsse, Obst. Heut. Von ihm wird in Reitnau nie etwas gesagt. Wahrscheinlich gehörte er dem Pfarrer und wurde von ihm eingezogen. Der grosse Zehnten (Korn und Hafer) wurde in Reitnau geteilt zwischen Pfarrer und Kloster. Der Pfarrer erhielt je ein Malter voraus, der Rest wurde geteilt. 1623 zum Beispiel erhielt so der Pfarrer je 20, das Kloster je 19 Klafter. Das war ein schlechtes Jahr. Oft ergab der Zehnten 100 und mehr Malter.

 

Widerborstige Reitnauer

Unter der Herrschaft der Berner scheinen die Reitnauer recht zufrieden gelebt zu haben. Anders wäre nicht zu erklären, warum sie sich nach dem Umsturz der alten Ordnung durch die Franzosen beharrlich weigerten, den Treueid auf die Helvetische Republik zu leisten, bis sie mit einem Truppenaufgebot dazu gezwungen wurden. In der darauffolgenden Napoleonischen Eopche machten die Reitnauer abermals durch Widerborstigkeit von sich reden, indem sie keine Rekruten für die Armee des Kaisers stellen wollten. Im November 1813 - der Stern Napoleons war bereits am Sinken - gab es deswegen in Attelwil und Reitnau einen regelrechten Aufstand.

Im Jahre 1850 erreichte die Einwohnerzahl 1082. auf alten Fotografien ist ersichtlich, wie viele Personen in einem diesr Strohhäuser zusammenleben mussten. Es herrschte oft bittere Armut. So entschlossen sich viele der Ärmsten zur Auswanderung. Überhaupt scheint sich im Lauf des letzten Jahrhunderts wie überall in Europa eine Kluft zwischen halblichen Besitzenden und armen Schluckern verbreitet zu haben. Die entschlossene Parteieinnahme für die Armen, wie sie der Safenwiler Pfarrer Karl Barth während seiner Amtszeit in seiner Gemeinde gezeigt hat, erscheint in der Reitnauer Kirche gefehlt zu haben. Bedenklich war, unter welch oftmals schlimmen Bedingungen Pflegekinder gehalten wurden. Die vielbeschworene gute alte Zeit war eben nur für einen Teil unserer Vorfahren gut.

Allmählich begann sich das Dorfbild zu verändern. Es entstanden neue Strassen: die neue Kirchgasse, die neue Pleggasse, die Kalofenstrasse, zuerst bis zur Stockrüti und später durch den Windenstutz zur Moosersäge.

Das elektrische Licht brennt seit 1910, und das Wasser fliesst seit 1930 in alle Häuser des Dorfes.

 

Markante Neuerungen

Die augenfälligste Veränderung aber geschah im Moos, wo 1923 die Suhre korrigiert und dadurch wertvolles Ackerland gewonnen wurde. Dabei musste allerdings in Kauf genommen werden, dass ein Stück Natur für immer zerstört war. Wir Nachgeborenen können uns nur anhand von Schilderungen ein Bild machen: "Verschwunden sind die Lebhäge und Gebüsche, die markanten Eichen und die seltenen Tannen; zugedeckt sind die murmelnden Bäche und damit viel seltene die das Nasse liebenden Pflanzen und Tiere", schrieb ein Zeitzeuge (F. Hunziker).

Im Jahre 1628 wurden in Reitnau zwei Gasthäuser urkundlich erwähnt: Die Taverne zur Krone und die Taverne zum Wolf. 1772 erhielt der Wirt die Bewilligung, ein Schild mit einem Bären auszuhängen. Unter dem Namen wird der Gasthof heute noch geführt. Die "Krone" hingegen ist vor wenigen Jahren sang- und klanglos aus dem Dorfbild verschwunden. Eine weitere Wirtschaft, der Freihof, auch Pinte genannt, wurde vermutlich erst im späteren 19. Jahrhundert anstelle der abgebrochenen Pfarrhausscheune erbaut. Der Pintenwirt betrieb auch eine Bäckerei, was der älteren Generation noch in guter Erinnerung ist. Vor ein paar Jahren hat leider auch für diese Gaststätte die letzte Polizeistunde geschlagen. Heute befindet sich im liebevoll renovierten Haus die Spielgruppe Müüslinäscht sowie zwei Wohnungen.

1901 wurde die Suhrentalbahn von Schöftland nach Aarau eröffnet, 1912 die Normalspurlinie Sursee-Triengen. Damals begannen wohl auch die Spekulationen im bahnlosen Mitteilteil über die Sanierung der Verkehrslücke. Sicher wäre es sinnvoller gewesen, man hätte sich mit weniger Kantönligeist vorher schon auf eine einheitliche Lösung geeinigt. Die Idee einer durchgehenden Suhrentalbahn stand leider erst 50 Jahre später ernsthaft zur Diskussion. Es gab Versammlungen, Demonstrationen, Stoff für Wahlveranstaltungen, sogar eine bundesrätliche Orientierungsfahrt. Und wirklich schienen die Bemühungen von Erfolgt gekrönt. Am 19.9.63 wurde die ersehnte Konzessionsbewilligung erteilt. Überall im Suhrental läuteten die Kirchenglocken. Bald aber folgte die Ernüchterung mit der Gewissheit, dass der Zug halt doch endgültig abgefahren war. Die verbesserte Postautolösung wurde akzeptiert, erst zähneknirschend, dann resigniert und zuletzt sogar zustimmend. Wenn es endlich gelänge, das Postauto in den Kratz hinaufzulocken, wäre die Befriedigung wohl perfekt.

 

Erste Industrien

Zwiespältig waren die Bemühungen zur Ansiedlung von Industrie im Dorf. Im vorindustriellen Zeitalter verdienten sich viele Reitnauer mit Weben einen Zusatzverdienst. Der weg nach Zofingen zum Abliefern des Stoffes und zum Bezug des Rohmaterials wurde zu Fuss mit einem Handwägelchen zurückgelegt. Später wurde beim "Bären" eine Fabrik gebaut, in der mehrere Handwebstühle standen. Eine Zeitlang waren dort Schuhe hergestellt worden, zuerst in einem Familienbetrieb, später unter dem Namen Fretz Men AG.

Als Schuhfabrik war auch die Sura anfänglich betrieben worden. In der Krisenzeit der dreissiger Jahre musste auch dieser Betrieb geschlossen werden. Die Firma Fehlmann richtete dann eine Kleiderfabrik ein. Sura-Regenmäntel waren in den fünfziger und sechziger Jahren ein Begriff. Aber auch diese Produktion wurde eingestellt. Auch die unweit davon gelegene Sägerei wurde aufgegeben. Erfreulicheres gibt es aus dem oberen Dorfteil zu berichten, wo mit der Firma Maroplastic AG ein erfolgreicher Anfang gemacht wurde. Doch damit geraten wir in die gegenwärtige Zeit, so dass der Chronist seinen Artikel beendet.

 

© mit freundlicher Genehmigung von Hans Gerschwiler

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